Der alltägliche, "ganz normale Wahnsinn" von Aleppo

02.12.2013 11:02

Vor kurzem erhielten wir folgendes Schreiben aus Aleppo. Es beschreibt das, was für die Menschen in Aleppo derzeit Alltag ist, der "ganz normale Wahnsinn" ...

 

Liebe ...

ich bin so dankbar, spüren und sehen zu können, dass ich immer noch umgeben bin von solchen großartigen Leuten wie euch ... Vielen Dank für das, was ihr mit uns geteilt habt und für eure Fürsorge.

In Aleppo gehen jetzt ständig Granaten herunter. Lasst mich nur ein paar Dinge berichten, wie der Herr mich bewahrt hat - nun seit 1 1/2 Jahren. Was ich schreibe, ist jetzt nur von der letzten Woche. Man stelle sich das einmal vor ...

Am letzten Montag (11. November), sind allein 42 Granaten in unseren Wohngebieten heruntergekommen, zwischen 10 und 14 Uhr. Eine gerade, als ich meine erste Operation begonnen hatte. Und während ich bei meiner zweiten Operation war - es ging um ein 50 Tage altes Kind - zerschlug ein Granatsplitter die Fenster-Scheibe des Operationssaales. Letzten Mittwoch, nur wenige Minuten bevor ich die Bushaltestelle erreichte um zur Bibelstunde in die Gemeinde zu gehen, schlug eine große Granate auf unserem Weg ein und tötete 8 Menschen - .und viele wurden verletzt. Am gleichen Tag, Mittwoch, der 13. November, sind in unserem Gebiet 9 Granaten explodiert, mit 8 Todesopfern und 13 Verwundeten. Am Donnerstag (14. November) sind weitere 7 Granaten explodiert, mit 7 weiteren Todesopfern und 14 Verwundeten. Ich könnte fortfahren ... Heute, am 19. November, bevor ich nach Hause kam, ist ein großes Geschoss direkt vor unserer Klinik explodiert. Eine Person wurde getötet, 5 verwundet. ... Ich bin sofort dorthin gegangen, um die Situation zu beruhigen. Ich bin Gott dankbar, dass unser Personal bewahrt blieb - auch wenn sie unter Schock stehen - ; und es gibt viele Beschädigungen an Türen und Fenstern und all den Glasscheiben in der Klinik.

Was soll ich dazu sagen? So leben wir von Tag zu Tag, es gibt keinen sicheren Ort hier, keine sichere Zone. Wir laufen einfach rechts und links, gehen vom einen Ende zum anderen, um die Unerreichten zu erreichen, und unsere Hand den Bedürftigen und Hilflosen und denen ohne Hoffnung zu reichen, die verzweifelt sind. 

Was die Überquerung der Linie zwischen den Fronten angeht, so ist im Moment der Weg von der anderen Seite her hierher nicht möglich. Denn die Regierungsarmee belagert derzeit die anderen völlig. Leider können die bedürftigen Patienen von der anderen Seite, die hierherkommen sollten zur Behandlung, das im Moment nicht machen. Nur auf einem Umweg mit mehreren hundert Kilometern Fahrt wäre das theoretisch möglich. Die Situation ist sehr kritisch und riskant und auch irgendwie düster.

Der Winter wird wohl hart werden. Meine Verwandten warten auf die Lieferung von 250 Litern Diesel zum Heizen, die die Regierung zugesagt hat (normalerweise brauchen sie 1200 Liter). Der Preis liegt bei 65 SYP, früher lag er bei 15 SYP.

Lebensmittel sind immer noch ein Thema: Es gibt wenig Abwechslung. Es gibt jetzt zwar wieder frisches Gemüse, aber das ist sehr teuer.

Wir sind sehr dankbar für all eure unterstützenden Gebete und dass ihr mit uns zusammensteht und das mittragt, wo wir zu kämpfen haben und was wir erleiden. Wir wissen nicht, wann es die letzte Granate sein wird, wann es wieder einfach Treibstoff gibt, reichlich Essen und genug Milch für die Kinder. Aber wir haben das Vertrauen, dass er alles in seiner Hand hat. Er verdient es, dass man ihm dient - auch in solchen Situtionen.

Herzliche Grüße mit Psalm 27: "Der HERR ist mein Licht uns mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? ... Wenn sich auch ein Heer wider mich laget, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wieder mich erhebt so verlasse ich mich auf IHN."

Gemeinsam stehen wir im Gebet vor seinem Thron - bis wir uns auch von Angesicht zu Angesicht wieder treffen können - hoffentlich bald. 

Mit ganz herzlichn Grüßen und Segenswünschen,

Euer

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