Ein Brief aus dem veränderten Aleppo

15.02.2017 14:22

Nach 4 1/2 Jahren Krieg in Aleppo hat sich die Situation Ende des vergangenen Jahres dort grundlegend verändert. Nachdem die Rebellen im Ostteil der Stadt vertrieben wurden, hat nun auch der Beschuss der Stadtviertel im Westen ein Ende gefunden. Auf die Nachfrage bei unseren Partnern, wie sich die Situation seitdem verändert hat und wie sich das Leben in Aleppo jetzt gestaltet, schrieb uns einer der Kirchenleiter einen langen Brief, den wir hier - mit seiner Erlaubnis - frei übersetzt und stark gekürzt wiedergeben.

 

Die älteste evangelische Kirche in Aleppo (von 1846), im Krieg zerstört

 

Liebe Freunde beim Hilfsbund,

 

wir können einfach nur „Danke“ sagen für eure Begleitung in den vergangenen Jahren. Ihr wisst gar nicht, was für eine Freude es ist, immer wieder von euch zu hören; von Leuten, die uns lieben, die für uns ein Segen sind und die wissen wollen, wie es uns geht.

Um ehrlich zu sein, müssen wir euch sagen, dass wir alle traumatisiert sind. Vielen geht es wie mir und sie drehen sich dann und wann zur Wand und weinen, wenn ihnen bewusst wird, was uns und den Menschen, die wir lieben und die uns nahe stehen, geschehen ist. Wir brauchen die Kraft Jesu, um wieder zurückzufinden zum normalen Leben.

Wir hätten ja nie im Leben erwartet, dass so etwas passieren könnte. Wir waren völlig unvorbereitet auf diese schlimmsten Jahre unseres Lebens.

Wir hätten es nicht geschafft ohne das Wissen, dass Gott gut ist und dass er uns liebt. Wir haben uns und  andere wieder und wieder daran erinnert: Ja, er ist gut! Wir hätten es auch nicht geschafft ohne eure Gebete! Wir durften uns gewiss sein, dass ihr hinter uns steht. Ihr habt uns nie im Stich gelassen und das hat uns Kraft gegeben. 

Ebenfalls geholfen hat, sich an unsere Großeltern zu erinnern und die Kämpfe, die sie vor 100 Jahren durchgestanden haben. Sie hatten den Völkermord erlebt und waren menschlich gesprochen am Ende. Sie haben mit nichts hier in Aleppo begonnen. Und es ist unvorstellbar, was diese Witwen und Waisen hier aufgebaut haben. Anfangs lebten sie in Zelten – und haben schon damals ein Zelt zur Kirche gemacht, ein anderes als Schule benutzt.

Auch während dieses schrecklichen Krieges, waren das für uns zwei wichtige Säulen. Mit eurer Unterstützung konnten unsere Kirchen und Schulen durch all die Schwierigkeiten hindurch einen entscheidenden Beitrag leisten. Sie waren Hilfe und Segen für die Menschen um uns herum. Wir danken euch sehr dafür! Bitte lass das alle Freunde und Unterstützer des Hilfsbundes wissen.

Was unsere jetzige Situation angeht: Das Leben hat sich völlig verändert. Seit 2012 sind wir ja jedes Mal aufgeschreckt wenn wir gehört haben, dass eine Granate oder Rakete hier irgendwo einschlägt. Das ist tagsüber nicht so schlimm, aber wenn du während der Nacht immer wieder aufschreckst, kannst du irgendwann gar nicht mehr richtig schlafen. Viele haben Schlaftabletten genommen, um überhaupt etwas schlafen zu können. Man wälzt sich Nacht für Nacht im Bett hin und her – und ohne Strom kannst du ja auch nichts groß machen, also bringt es auch nichts nochmal aufzustehen … Und jetzt: Plötzlich keine einschlagenden Granaten, kein Kriegslärm mehr. Was für eine Glückseligkeit!

Wir fühlen uns so, als wären wir alle aus einem Albtraum aufgewacht. Bisher war alles einfach nur „Über-leben“ – jetzt aber müssen wir wieder wie vorher das „normale Leben“ angehen. Man würde vielleicht denken, dass das ein automatischer Reflex ist, aber das ist es nicht. Es braucht Willenskraft, jetzt wieder anzufangen, nach vorne zu schauen – und viele sind noch nicht so weit. Während des Krieges haben diejenigen, die mehr Kraft als die anderen hatten, die Dinge am Laufen gehalten, die anderen sind einfach irgendwie mitgeschwommen. Jetzt aber ist wieder jeder einzelne gefragt, sich seiner eigenen Verantwortung zu stellen. Vieles was früher ganz normal war, ist es jetzt offensichtlich nicht mehr: z.B. einfach morgens aufzustehen. Wenn du jahrelang keine Arbeit hattest und nirgends erscheinen musstest, dann ist es eine große Umstellung, wenn du plötzlich wieder früh aufmusst … Während der Kriegsjahre haben die öffentlichen Angestellten ihr Gehalt bekommen, auch wenn sie aufgrund zerstörter und geschlossener Einrichtungen gar nicht gearbeitet haben. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei.

Es gibt nach und nach wieder Arbeitsplätze, und man kann sich deshalb nicht mehr auf der Kriegssituation ausruhen und sagen, dass es ja keine Arbeit gibt. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Du musst raus und nach Arbeit suchen.

Es ist aber auch gut zu sehen, dass langsam das Leben wieder nach Aleppo zurückkommt. Die Wasserversorgung ist zwar noch nicht wirklich gut – einige Stadtteile haben noch arg zu leiden – aber die Arbeiter sind dran und es gibt Fortschritte. Ähnlich ist es bei der Stromversorgung: Es sind ja durch die Kämpfe nicht nur die Stromleitungen, sondern auch die Strommasten zerstört worden – das ist ein großes Durcheinander und nicht ganz ungefährlich, jetzt wieder die Stromversorgung herzustellen. Es gibt also noch große Probleme, die sich auch nicht über Nacht lösen werden, aber es geht in die richtige Richtung.

Das Entscheidende ist, dass wir jetzt keine Frontlinie mitten in unserer Stadt mehr haben, wo man aufeinander schießt. Die Kriegszone ist jetzt weiter weg, mindestens 20 Kilometer – und im Moment ist hier in der Stadt angenehm ruhig. Das ist wunderbar! 

Als Kirchenleute wollen wir ganz vorne mit dabei sein, wenn es um den Wiederaufbau geht. Zum einen wollen wir unsere Kirchen und Schulen reparieren. So haben wir z.B. mit der Reparatur des zerstörten Daches der Emanuel-Gemeinde begonnen. Und wir wollen auch mit vorne dabei sein, unseren Familien zu helfen, ihre Häuser wieder in Stand zu setzen – wo es denn möglich ist.

Für uns ist das Leben zur Zeit ziemlich hektisch. Der Arbeitstag geht manchmal einfach nicht zu Ende. Inzwischen sind schon etliche Leute aus anderen Teilen Syriens – und sogar aus dem Libanon – wieder hierher zurückgekehrt. Sie haben häufig nichts mehr, weil das Überleben dieses Krieges alle ihre Ersparnisse aufgefressen hat. Für diese Neuankömmlinge ist es ganz natürlich, dass sie sich zuerst einmal an die Kirche wenden um zu erfahren, wo man Hilfe bekommen kann.

Obwohl wir nicht sicher wissen können, was kommt, sind wir doch zuversichtlich und froh, dass wir die Blicke wieder nach vorne richten können.

Wofür Ihr beten könnt:

·         Wir haben jetzt 4 ½ Jahre lang die Schrecken des Krieges erlebt. Deshalb bitten wir euch: Betet darum, dass der Krieg nicht hierher nach Aleppo zurückkehrt.

·         Betet für uns, dass wir alle ganz persönlich übernatürliche Heilung von oben erleben! Jeder wurde hart getroffen, mehr als wir verkraften können. Es ist schwer über eine so lange Zeit – mehrere Jahre – durch solche emotionale Belastungen zu gehen.

·         Betet für uns, dass wir als Kirche eine Schulter sein können, an der die Menschen weinen können, wo sie getröstet werden und neu gestärkt.

·         Betet, dass wir als Kirche auch ganz praktisch die mutigen Familien unterstützen können, die hier jetzt wieder ihre Häuser und ihre Zukunft aufbauen wollen.   

Wir sind Gott von Herzen dankbar: Im Rückblick können wir sehen, dass er uns treu war. Auch wenn wir traurig waren, uns manchmal am Ende fühlten: Seine Liebe und Ermutigung haben uns nicht verlassen.

Und wir sind euch von Herzen dankbar: Ihr seid mit uns durch diese schwere Zeit gegangen und steht auch bei den Herausforderungen, die jetzt auf uns zukommen an unserer Seite. 

Ganz herzlichen Dank für alles!

Euer