Kinder im Bürgerkrieg - Gedanken eines unserer Partner in Aleppo

21.08.2013 17:51

Sie haben am allerwenigsten zu dem Konflikt beigetragen, leiden aber wohl am meisten darunter: Kinder. Direkt aus Aleppo schrieb uns einer unserer Partner dazu einen Bericht, in dem seine persönliche Betroffenheit zu spüren ist. Einige seiner Gedanken und Eindrücke aus erster Hand geben wir hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Form wieder:

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Tina ist 7 Jahre alt und lebt in einem Ort in der Nähe von Damaskus. Ihr Vater berichtete: „Als ich nach Hause kam, waren in unsrer Wohnung 11 kleine Mädchen, alles Freundinnen unserer kleinen Tina. Sie waren gerade aus der Schule gekommen und standen hinter einander, wobei sie sich gegenseitig an den Schuluniformen festhielten. Sie spielten, sie wären ein Zug mit vielen Waggons, machten Geräusche wie ein Zug und liefen im Kreis herum. Plötzlich wurde ihr ausgelassenes Spiel unterbrochen von dem Lärm einer explodierenden Granate. Sofort lagen alle flach auf dem Boden, versuchten sich instinktiv irgendwie vor der Gefahr zu schützen. Kurze Zeit später – sie lagen immer noch auf dem Boden – erschütterte eine weitere Explosion das Gebäude. Es gab keine Toten oder Verletzten. Aber jedes dieser Kinder war in Panik oder begann zu weinen. Tina fragte: ,Was passiert hier, Papa? Warum machen die uns solche Angst? Wir spielen doch nur zusammen …‘“

Tinas Vater wusste nicht so recht, wie er seiner Tochter erklären sollte, was da geschah. Kurze Zeit später wurde dem Vater von Karen (einem dieser 11 Mädchen) auf dem Nachhauseweg in den Kopf geschossen. Er wurde stundenlang operiert, aber man konnte ihn nicht retten. Als Tinas Vater die Trauerfamilie besuchte, fragte ihn die kleine Karen: „Warum ausgerechnet mein Vater? Wir sind doch Christen, die Jesus lieben. Steht nicht in der Bibel, dass der Herr Jesus die Kinder zu sich einlädt und dass wir bei ihm sicher sind?“ (Sie dachte wohl an den Vers in Matthäus 19,14, wo Jesus  seine Jünger dazu auffordert, die Kinder zu ihm kommen zu lassen.) Auch auf diese Frage fand Tinas Vater keine schnelle Antwort. Er meinte später dazu: „Es ist so schwer mit anzusehen, wenn ein Kind sein Lächeln verliert; und zu sehen, wie sein Kinderglaube erschüttert wird.“

Unsere Kinder werden zu Opfern des Krieges. Sie können sich am wenigsten schützen und stehen all dem, was das passiert, relativ wehrlos gegenüber. Was sind die Folgen des Krieges für sie?

Schätzungen gehen davon aus, dass bisher schon mehr als 5.000 Kinder im Krieg in Syrien ihr Leben verloren haben. Das ist nur eine Zahl, aber man denke an jede einzelne Familie und das Schicksal, das dahintersteht. Es hat mich tief erschüttert, als ich Eltern traf, deren Kinder durch Bombardierungen gestorben sind. Und Kinder, die mit angesehen hatten, wie eines ihrer Geschwister getötet wurde.

Ich habe viele Kinder gesehen mit den unterschiedlichsten Verletzungen – einige davon so schwer, dass man sich fragte, ob sie durchkommen. Andere sind so verletzt, dass sie für immer behindert bleiben.

Zehntausenden von Kindern fehlt der Zugang zu ausreichend sauberem Wasser und zu guter Nahrung. Die Folgen sind Krankheiten, Unter- oder Mangelernährung.

Manche Eltern haben sich deshalb – oder weil sie vor der Gewalt nicht mehr sicher waren – entschieden zu gehen. So sind rund 800.000 Kinder herausgerissen worden aus ihrem gewohnten Umfeld, sind im In- oder Ausland zu Flüchtlingen geworden. Ihre Zukunft ist ungeklärt.

Kinder werden in diesem Krieg auch auf schlimmste Art missbraucht, weil die gegenwärtige Instabilität von Erwachsenen schonungslos und brutal ausgenutzt wird. Zwar hat kürzlich die Regierung ein Gesetz angenommen, dass explizit die Rekrutierung von Kindern unter 18 Jahren verbietet. Aber natürlich halten sich nicht alle Rebellengruppen daran, und Kinder werden als Kämpfer oder als Hilfskräfte eingesetzt. Gerne benutzt man Kinder während Gefechten auch als Schutzschilde. Manchmal wurden Kinder von Sicherheitskräften auf schlimme Art und Weise „verhört“, weil man vermutete, dass sie mit den Rebellen in Verbindung stünden. Und von Rebellen wurden Kinder entführt, unter unwürdigen Umständen gefangen gehalten, z.T. auch gefoltert und Mädchen vergewaltigt. Immer mehr gibt es auch Berichte von Zwangsheiraten aus den Gebieten, die unter Herrschaft von islamistischen Rebellen-Milizen stehen. Aber auch aus den Flüchtlingslagern, z.B. in Jordanien, hört man solche Berichte. Es ist zutiefst schockierend und abscheulich.  

Die Gräuel des Krieges hinterlassen tiefe Spuren in den Kinderseelen: Sie verlieren ihre Einfältigkeit, ihren liebenden kindlichen Geist, aber auch den natürlichen Respekt. Stattdessen wachsen Argwohn und Hass, sie werden sehr leicht feindselig und aggressiv. Sie werden ihrer Kindheit bestohlen. Wie kann die Zukunft unseres Landes aussehen, wenn eine Generation heranwächst, die so vom Krieg gezeichnet ist?

Eine führende Persönlichkeit hier im Land hat gesagt: „Ausbildung ist einer der wichtigsten und effektivsten Wege, um eine offene und inklusive Gesellschaft zu bauen; wir können es uns nicht erlauben, dass die nächste Generation der Syrer ungebildet ist.“

Doch wie sieht es mit der Bildung aus? Viele Schulen wurden geschlossen oder umgewidmet zu Unterkünften für Inlandsflüchtlinge. Manche wurden für militärische Zwecke missbraucht und dienten als Basis für militärische Operationen. Schulen wurden auch bombardiert und so wurde die Schule – die eigentlich für die Kinder ein Ort der Zuflucht und Sicherheit sein sollte, für manche zu einem Ort des Terrors, an den sie nicht zurückkehren wollen.

Tausende Kinder in Syrien sind monatelang oder gar die letzten zwei Jahre lang nicht mehr zur Schule gegangen. Statistiken sagen, dass im Libanon bisher etwa nur jedes dritte syrische Flüchtlingskind im Grundschulalter eine Schule besucht. Im Alter der Oberschüler ist es sogar nur jedes 50ste (!)Kind.

Natürlich gibt es Versuche (von Regierungen, der UN und verschiedenen NGOs), den Kindern hier in Syrien zu helfen und darauf hinzuwirken, dass mehr Kinder wieder zurück in die Schule gehen können. Erfolge gab es diesbezüglich in Aleppo vor allem in den Vierteln, in denen viele Christen wohnen: Trotz vieler Bedenken haben die meisten Schulen hier geöffnet und man versucht die Kinder in dieser schwierigen Situation zu begleiten. Er ist sehr erfreulich, dass Tausende hier ihre Klassen besucht haben und das letzte Schuljahr erfolgreich abschließen konnten.

Dieser Krieg – wie andere wohl auch – ist sehr komplex und viele Fragen sind nicht so einfach. Aber ein Kind leiden zu sehen als Folge der Machtkämpfe von Erwachsenen ist entsetzlich. Wenn ich darüber nachdenke muss ich immer wieder an den obigen Vers aus Matthäus 19,14 denken, wo Jesus sagt: „Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solcher ist das Himmelreich.“ Unser HERR hatte die Kinder in besonderer Weise im Blick. Das sollten wir auch!

Danke, wenn sie besonders für die syrischen Kinder beten! Und für uns als Eltern, Erzieher und Lehrer, die wir an ihrer Seite stehen und sie begleiten.