Bericht aus Aleppo: Hinter dem Stacheldraht den neuen Tag aufgehen sehen ...

06.08.2013 09:11

Gerade erreicht uns ein Bericht eines unserer Partner in Aleppo vom 30. Juli 2013, der aus großer Betroffenheit heraus spricht. Im Folgenden eine freie Übersetzung der wichtigsten Passagen:

 

Unsere Situation in diesen hektischen, unberechenbaren Tagen in Aleppo, ohne einfach so Nahrungsmittel oder Fleisch oder Brot zur Verfügung zu haben, ohne Bewegungsfreiheit, ohne Sicherheit und ohne ermutigende gute Nachrichten am Horizont, erinnert mich an die Worte von Habakuk: (3,17-18) : "Da wird der Feigenbaum nicht grünen, und es wird kein Gewächs sein an den Weinstöcken. Der Ertrag des Ölbaums bleibt aus, und die Äcker bringen keine Nahrung; Schafe werden aus den Hürden gerissen, und in den Ställen werden keine Rinder sein. Aber ich will mich freuen des HERRN und fröhlich sein in Gott, meinem Heil."

Immer wieder höre ich Stimmen: Bist du immer noch dort? Wie kommt es, dass du nicht weggehst? Wie ist das mit deiner Familie? Wie kommt die ohne dich zurecht? Es gibt viele Fragen wie diese und niemand kann eine leichte, richtige und überzeugende Antwort darauf geben. ... Meine Hoffnung und Stärke liegt im HERRN, der mein Licht und mein Heil und mein Schutz ist (Ps. 27).

Wo geht es hin nach zweieinhalb Jahren seit Beginn des Krieges in Syrien Mitte März 2011? Und jetzt ist es mehr als ein Jahr, seit Beginn des Krieges in Aleppo im späten Juni 2012. Da mögen ich alle unsere Freunde weltweit fragen.

Auf der nationalen Ebene hat sich in letzter Zeit nicht viel verändert, außer dass es mehr Leiden und mehr Verlust von Leben und von Besitztümern gibt. Die zwei Seiten des Krieges fahen fort ich zu bekämpfen mit keinem klaren Sieger oder Verlierer. Die Kosten davon sind: Mehr als 100.000 getötet, meh al 1,5 Millionen Flüchtlinge in den Nachbarländern, mehr als 3,8 Millionen Inlandsflüchtlinge. Hunderttausende sind ausgewandert nach Europa oder Amerika.

Die Wirtschaft liegt in Trümmern und niemand kann sagen, wie lange das so anhalten wird. Sektierertum und Extremismus blühen auf und es gibt keinen Funken Hoffnung auf eine Befriedung des anwachsenden Konfliktes. Nach der Rückeroberung von al-Qusayr (einer strategischen Region im Zentrum Syriens, südwestlich von Homs and nahe der Grenze zum Libanon) durch die syrische Armee und der Niederlage der Rebellen dort, erklärten die Führer der westlichen Welt, dass der Fall von al-Qusayr zeige, dass das Gleichgewicht der Kräfte sich die Seite der Regierung verschoben habe und dass es für sie notwendig wäre, die Rebellen zu bewaffnen, um eine Ausgeglichenheit wieder herzustellen! Was für eine Art zu denken! Sie wollen einfach eine "Ausgeglichenheit" wieder herstellen, so dass beide Seiten weiter kämpfen werden ... Etwa bis zum letzten Syrer? Man stelle sich diese satanische Denkweise vor ..."Ich aber will auf den HERRN schauen und harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören. Freue dich nicht über mich, meine Feindin! Wenn ich auch daniederliege, so werde ich wieder aufstehen; und wenn ich auch im Finstern sitze, so ist doch der HERR mein Licht." (Micha 7,7+8).  

In Aleppo ist die gegenwärtige militärische Situation: der letzte größere Kampf fand am Karfreitag, 29.März 2013, (also vor 120 Tagen) statt. Damals wurde das Gebiet Sheikh Maksoud (Djabal Al Sayde) von den Rebellen eingenommen. Seitdem gab es keine großen Gefechte, aber es gibt die Bombardemnts hier und dort mit der Zerstörung von Häuern, Gebäuden, Geschäften, Büros. Auf der anderen Seite wird die humanitäre Situation schlechter und geht in Richtung einer Katastrophe, wenn man folgende 3 wichigen Faktoren betrachtet:

1) Die Blockade von Aleppo [Im Moment, wo ich diesen Bericht schreibe, scheint die Blockade jetzt wieder gelockert zu sein, wie es weitergeht wissen wir nicht]: Seit etwa 40 Tagen gibt es verstärkt Blockade für Leute (keiner kann die Stadt verlassen ...); aber auch Blockade, was den Handel angeht, (nichts kommt nach Aleppo hinein). Es kommt kein Gemüse mehr, keine Früchte, keine Milch, Käse, Fleisch, Geflügel oder Fisch, kein Treibstoff, Gas (zum Kocken) und nur sehr wenig Brot. Es bleiben nur die haltbaren Vorräte bei den Lebensmittelhändlern wie Reis, Linsen und Konserven ... aber zu astronomischen Preise, was sich die Mehrheit nicht leisten kann. ... Ein Dollar war vor dem Krieg 50 Syrisch Pfund wert, zwischenzeitlich lag er bei 300 Syrischen Pfund - und ist jetzt wieder etwas gefallen auf etwas über 200 Syrische Pfund. ... Die Preise haben sich an manchen Stellen verzehntfacht ...

Um ein paar einfache, schmerzliche Beispiele zu geben: Ein der Küchen der christlichen wohltätigen Organisation ..., die täglich für mehr als 35.000 Inlandsflüchtlinge Mahlzeiten ausgab, musste schließen, weil Gas, Treibstoff, Mitarbeiter und die Zutaten fehlten. Und der Jesuitische Flüchtlings-Dienst, der täglich 15.000 Mahlzeiten ausgab, wird ebenfalls bald schließen müssen. So sind 50.000 Inlandsflüchtlinge, die seit 2012 vor allem in Schulen untergebracht sind, ohne Versorgung.

Ein anderer Aspekt, und das ist eine lustige Begleiterscheinung des Benzinmangels, ist, dass Fahrzeuge nich mehr benutzt werden können und wir alle deshalb gezwungener Weise laufen müssen - so wurde das zum neuen Sport der Menschen von Aleppo - einfach zu Fuß zu gehen, egal, was man vorhat und wo auch immer man hin will, immer zu laufen. Wir verbrinen so viel mehr Zeit auf der Straße, was riskan ist. Laufen soll ja natürlich gut sein für die Gesundheit, wenn nur nicht die Durchschnittstemperatur bei 40 Grad liegen würde! Fast jeder hier hat Gewicht verloren, zwischen 8 und 18 Kilo.

Die Einwohner haben umsonst auf Proteste der westlichen Öffentlichkeit gewartet ... und auf Druck der Führer auf die Rebellen, die Blockade aufzuheben. Es ist nicht länger ein militärisches oder politisches Problem, sondern eine humanitäre Frage. Eine Bevölkerung von 2,5 Millionen Menschen auszuhungern ist logischerweise ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit für alle, die an Frieden und Gerechtigkeit glauben. Zu schweigen bedeutet, die Regeln der westlichen Politik zu akzeptieren: verschiedene Maßstäbe anzulegen.

2. Granaten-Beschuss: Jeden Tag gehen Granaten herunter auf die Wohngebiete, die besonders von Christen und Armeniern bewohnt sind. Diese Granaten werden von den Rebellen abgeschossen; sie sind selbst gebastelt, aber verursachen trotzdem Todesopfer und Dutzende von Schwerverletzten. Der Geruch des Todes ist heutzutage überall. Allein in den letzten paar Wochen ist in unserer christlichen Gemeinschaft folgendes passiert: ein 14jähriger Junge ... starb - während er zuhause war - durch einen Granatsplitter in seinem Kopf; ein 8-jähriges Mädchen bekam einen Splitter ins Gehirn; eine junge Frau von 30 Jahren, eine Friseurin, musste sich den linken Arm amputieren lassen ... als Folge einer Verletzung; ein Mann, 70 Jahre alt, wurde am Rückgrat verletzt, als er aus einem Gottesdienst kam. Darüber hinaus gibt es schockierende Berichte ...: Ein Bus, in dem auch mehr als 35 Armeniern waren, die von Aleppo nach Beirut wollten, wurde von den Rebellen attackiert, auf einer eigenlich sicheren Militär-Straße. Das Ergebis waren 5 Tote und mehr als 30 Verletzte. 4 Familien hatten geplant nach Armenien auszuwandern; 2 von ihnen (sie waren vorher meine Patienten in der Klinik) wurden verwundet eine Familie (die 2 Kinder hat) verlor die Mutter. Das sind einige Beispiele unter velen anderen Tragödien.

3. Gefangennahme und Kidnapping von Christen...: Was für ein Albtraum für jeden Armenier und jeden Christen, der plant Aleppo zu verlassen, um sich an einen sicheren Ort zu begeben. Wie ihr euch erinnern werdet, wurden bereits Hunderte entführt, und von vielen gibt es keine Nachrich, wozu auch die beiden Erzbischöfe gehören, außerdem zwei ältere Geistliche und viele jüngere Menschen. Gerade vor 4 Tagen wurden 4 junge Kerle gekidnappt, die versuchten nach Armenien auszuwandern, und traurigerweise gerade in der letzten Nacht (29. Juli) wurden zwei junge Brüder (12 nd 14 Jahre alt) gekidnappt, die planten zu ihrem Vater nach Istanbul zu gehen - während die Mutter hier blieb. Man stelle sich nur vor, wie es jetzt im Herzen dieser Mutter aussieht und auch in der Seele der beiden Jungs. Bis jetzt gibt es keine Informationen dazu. Wenn es eine Lösegeldforderung gibt, wird sie woh unbezahlbar sein.

In diesem Umfeld von Gewalt, Not, Trostlosigkeit, Leiden und Verzweiflung, fahren wir fort, als christliche humanitäre Komitees in Aleppo und ganz Syrien unseren Dienst zu tun. Durch unsere Präsenz, unsere Festigkeit, unsere Unterstützung, unsere Hilfe und unsere Solidarität, für die Menschen da zu sein, sind wir ein kleiner Funke der Hoffnung in der Dunkelheit, die uns umgibt.

Ja, wir sind noch immer da und nicht wie andere gegangen ... Und wir fahren fort mit unserer Arbeit mit den Flüchtlingen, den Benachteiligten, den Inlandsflüchtlingen und den Verwundeten.

Wo stehen wir mit unseren Projekten und unserer Mission? ... Es gibt 3 Haupt-Bereiche und Arbeiten, die wir ausführen: [Anmerkung: Die Namensgebung erfolgte in Anlehnung an Biblische Personen]

1. (Josephs) Nahungsmittel Hilfe: ... Monatlich unterstützen wir 2.168 Familien über 17 lokale Komitees.

2. (Isaaks) Wasser-Versorgung: Versorgung der stark christlich bewohnten Viertel mit Brunnen. 7 von 14 Brunnen wurden in Betrieb genommen ... 

3. (Lukas) Medizinische Fürsorge: Ein christliches Krankenhaus hat begonnen, kriegsbedingte Patienten kostenlos zu behandeln, bisher konnten 23 Personen davon profitieren und sich behandeln lassen ... Außerdem wurden neue Polikliniken begonnen, die kostenlose Sprechstunden und Medizin anbieten ...

Das ist die Situation, wo wir stehen. Wir versuchen standzuhalten trotz all dem, was ich berichtet habe; wir halten stand nach jetzt 365 Tagen Krieg; Wir widerstehen Pessimismus, Erschöpfung, Entmutigung und Extremismus. Wie Jean Debrunnye gesagt hat: "Standzuhalten bedeutet, niemals aufzuhören - durch die Öffnung eines Kanalausgangs - nach der Sonne Ausschau zu halten" und "Standhalten bedeutet, hartnäckig genug zu sein, hinter dem Stacheldraht den Tag aufgehen zu sehen." 

Wir dienen dem Einen, der es verdient, dass man ihm dient!