Notruf aus Saddad und Haffar - Eingeschlossen zwischen den Fronten

26.10.2013 10:27

Von einem unserer Kontakte - der selbst Familie in Haffar hat - bekamen wir diese Tage besorgniserregene Neuigkeiten über die entwicklung in den beiden Ortschaften (etwa 60 km südlich von Homs und rund 100 Kilometer nordöstlich von Damaskus). Unser Kontaktmann schreibt:

"Ich schreibe euch heute mit schwerem Herzen über unerfreuliche Neuigkeiten aus Syrien. Seit dem Beginn des Konfliktes, sind die Ortschaften Saddad und Haffar ein Ort der Zuflucht für 4.500 Familien geworden - die meisten von ihnen Inlandsflüchtlinge. Historisch sind beide Orte christliche Orte (hauptsächlich syrisch-orthodox), und man hat immer in friedlicher Nachbarschaft mit den Muslimen zusammengelebt.  

Schon früh im Konflikt haben die Einwohner von Saddad und Haffar sich sehr engagiert, um Hilfe zu organisieren für die Familien, die gezwungen waren, andere Gebiete Syriens zu verlassen. Seit diese Flüchtlinge gekommen sind, hat die christliche und muslimische Bevölkerung hier harmonisch zusammengelebt, weil sie zusammen die Folgen des Konfliktes ringsumher tragen und bewältigen mussten.

Am Morgen des 21. Oktobers 2013 hat nun eine dramatische Wende zum Schlechten stattgefunden.

Ab 6 Uhr sind etwa 60 bewaffnete Fahrzeuge in Saddad eingerückt. Als die Bewaffneten mit "Allahu Akbar"-Schreien durch die Straßen zogen, wurde den Einwohnern und den Flüchtlingen klar, dass ihre Zeit der relativen Ruhe jetzt vorbei ist. Als dann die bewaffneten Gruppen Scharfschützen-Posten einrichteten und begannen Granaten abzuschießen wurde alles noch Schlimmer.

Soweit wir wissen, sind die meisten dieser Kämpfer, die jetzt hier in Haffar und Saddad eingerückt  sind, Mitglieder der al-Kaida nahen al-Nusra-Front. Sie wollen offenbar Haffar und Saddad als einen Stützpunkt benutzen, um gegen eine nahegelegene Militär-Basis vorzugehen.

Wie wir inzwischen wissen, sind einige Mensch durch Scharfschützen und Granaten getötet worden. ....., der mit seiner Familie ja in Haffar lebt, sagte mir heute Morgen, dass infolge des Konfliktes einige Granaten in der Nähe eingeschlagen sind. Wegen der Aktivität der Scharfschützen war es aber unmöglich, dorthinzugehen und zu schauen, wo es Tote und Verwundete gibt.

Als ich mit .... redete, konnte ich im Hintergrund Kinder weinen hören, die aufgrund der Situation Angst hatten. Ich konnte die dumpfen Geräusche des Granaten-Bombardements und des ringsum tobenden Kampfes hören. Als ich am Telefon saß, konnte ich nicht anders, als mit den Menschen dort weinen. Warum müssen Kinder zu Opfern eines solch dreckigen Krieges werden.

Alles, was wir tun können, ist für die Bewahrung der Menschen dort zu beten - und dafür, dass sie nicht zum zweiten oder dritten Mal wieder zu Vertriebenen werden. Wir beten für das Leben aller Menschen dort und für Gottes Schutz.

... Ich versuche weiterhin in Kontakt zu bleiben mit unseren Ansprechpartnern in Haffar, Saddad und der Kalamoun-Region. Was hier geschieht ist ein weiteres Beispiel für die Brutalität und den Wahnsinn der Krise in Syrien. Ich hoffe und bete, dass die militanten Gruppen bald wieder aus der Region verschwinden. Der Mißbrauch von Zivilisten als Schutzschild für ihre militärischen Ziele schmerzt uns in unserem Herzen.

Wenn ich von neuen Entwicklungen berichten kann, werde ich euch diese Neuigkeiten weiterleiten.

Bitte betet für die Menschen in Haffar und Saddad und für alle Menschen in Syrien. Uns lasst uns weiter dafür arbeiten, dass die Gewalt und der Krieg ein Ende nimmt und ein dauerhafte Friede und auch wieder Sicherheit einkehrt.

Mit herzlichen Segenswünschen, ...."

Wie wir inzwischen erfuhren, hat die "Gesellschaft für bedrohte Völker", sich inzwischen an die Bundesregierung gewandt, mit der Bitte, sich für die im Gebiet von Saddad eingeschlossene Bevölkerung einzusetzen. In einer Pressemeldung weisen sie darauf hin, dass es inzwischen in Saddat keinen Strom mehr gebe, auch kein Brot, keine Milch und dass auch andere Lebensmittel und Trinkwasser knapp würden.

Laut Berichten arabischsprachiger Medien gehören die Kämpfer, die jetzt in Saddad eingerückt sind, sowohl der "al-Nusra-Front" als auch dem "Islamischen Staat in Irak und Syrien" (ISIS) an. Sie hätten Teile der Ortschaft unters ihre Kontrolle gebracht, während Regierungstruppen nun versuchten, sie mit Waffengewalt wieder zu vertreiben. Die Zivilbevölkerung ist somit zwischen die Fronten geraten und wird von den Islamisten mit Lautsprechern dazu aufgefordert, in den Häusern zu bleiben.